Risikobereitschaft von Männern und Frauen in sozialen Kontexten

Prof. Dr. Dr. Ulrich Schmidt

Donnerstag, 19.03.2026

Wer an Glücksspiel denkt, denkt oft an individuelle Entscheidungen: Wer setzt, wer zögert, wer geht ins Risiko? Doch genau diese Vorstellung greift zu kurz. Denn Risikoverhalten ist nicht einfach eine persönliche Eigenschaft, die Menschen wie eine feste Charakterfarbe mit sich herumtragen. Es entsteht im sozialen Kontext – im Vergleich mit anderen, in der Verantwortung für andere und in Gruppen, die gemeinsam entscheiden.

Das Thema ist weit mehr als ein Spezialfall der Verhaltensökonomik. Risikoeinstellungen beeinflussen zentrale Lebensbereiche: Sparen, Investitionen, Versicherungen, Gesundheitsverhalten, Bildungsentscheidungen und berufliche Karrieren. Seit Jahren hält sich dabei ein scheinbar klarer Befund: Frauen gelten im Durchschnitt als risikoscheuer als Männer. Doch diese Diagnose gilt nur unter Vorbehalt. Denn die empirischen Ergebnisse sind oft widersprüchlich – auch deshalb, weil Risiko in Experimenten ganz unterschiedlich gemessen wird. Mal geht es um Lotterien, mal um Investitionsspiele, mal um standardisierte Entscheidungstests. Schon die Art der Messung verändert also, was sichtbar wird.

Risiko wird anders, wenn andere zuschauen

Besonders spannend wird es dort, wo Entscheidungen nicht im luftleeren Raum stattfinden, da der soziale Kontext bei riskanten Entscheidungen eine große Rolle spielt. Menschen entscheiden anders, wenn sie sich mit anderen vergleichen, wenn ihre Position innerhalb einer Gruppe berührt wird oder wenn ihre Wahl Folgen für andere hat. Genau an dieser Stelle werden Geschlechterunterschiede interessant.

Ein Beispiel dafür ist ein Experiment zum sozialen Ranking. Die Versuchspersonen konnten ein Lotterieticket kaufen, das mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit 10 Euro auszahlte. Entscheidend war aber nicht nur die Gewinnchance, sondern die Struktur des Risikos. In einer Variante galt ein gemeinsamer Würfelwurf für alle Teilnehmenden, in der anderen wurde das Ergebnis individuell bestimmt. Im ersten Fall war das Risiko im sozialen Vergleich geringer: Wenn man verlor, verloren auch alle anderen. Beim individuellen Würfelwurf konnte es dagegen gut sein, dass man selbst verlor, ein anderer Teilnehmer aber gewann.

Die Ergebnisse fielen deutlich aus. Männer zeigten in der Variante mit gemeinsamem Risiko eine höhere Zahlungsbereitschaft für das Lotterieticket als in der Variante mit individuellem Risiko. Bei Frauen war dieser Unterschied nicht signifikant. Zudem zeigte sich: Im korrelierten Setting waren Männer risikofreudiger als Frauen, während sich im unkorrelierten Setting kein signifikanter Geschlechterunterschied fand. Der Punkt ist wichtig, weil er ein verbreitetes Klischee korrigiert: Nicht „Männer sind grundsätzlich mutiger“, sondern soziale Vergleichssituationen scheinen männliches Risikoverhalten besonders stark anzutreiben.

Verantwortung macht Entscheidungen vorsichtiger

Noch deutlicher wird die soziale Dimension von Risiko dort, wo Entscheidungen nicht nur die eigene Auszahlung betreffen, sondern auch die eines anderen Menschen. In einer weiteren vorgestellten Studie ging es genau um diese soziale Verantwortung. Das Design unterschied zwischen Entscheidungen, bei denen eine zweite Person denselben Ausgang erhielt, und solchen, bei denen die andere Person das gegenteilige Ergebnis bekam. So ließ sich untersuchen, ob Vorsicht vor allem aus allgemeiner Risikoaversion entsteht – oder aus dem Wunsch, ungerechte Verteilungen zu vermeiden.

Besonders aufschlussreich war dabei der Vergleich zweier sehr unterschiedlicher Gruppen: deutsche Studierende einerseits und eine Stichprobe aus Papua-Neuguinea andererseits. Die Idee dahinter: Wenn Geschlechterunterschiede beim Risiko stark biologisch determiniert wären, müssten sie kulturübergreifend ähnlich sichtbar werden. Wenn sie dagegen stark mit Erziehung und sozialer Prägung zu tun haben, dann sollten sich Unterschiede zwischen den Gruppen zeigen, da Papua-Neuguinea eine matrilineare Gesellschaft ist.

Genau das war der Fall. In Papua-Neuguinea fanden sich keine signifikanten Geschlechter- oder Designeffekte. In Deutschland dagegen zeigten sich deutliche Geschlechterunterschiede sowie starke Hinweise auf Ungleichheitsaversion. Daraus kann eine klare Schlussfolgerung gezogen werden: Sozialisation, also „nurture“, spielt eine große Rolle. Bemerkenswert ist auch ein zweiter Befund: Die beobachtete Vorsicht unter sozialer Verantwortung scheint nicht einfach nur Konservatismus zu sein, sondern wird wesentlich durch Ungleichheitsaversion erzeugt. Menschen werden also nicht nur vorsichtig, weil sie Verluste scheuen, sondern weil sie vermeiden wollen, dass ihre Entscheidung zu unfairen Ergebnissen zwischen ihnen und anderen führt.

Gruppen verändern Risikoentscheidungen

In Parlamenten, Unternehmen, Gremien oder Vorständen werden riskante Entscheidungen nicht allein, sondern in Gruppen getroffen. Deshalb ist die Frage zentral, ob Gruppen vorsichtiger oder mutiger entscheiden als Einzelpersonen. Die Antwort lautet: Es kommt darauf an – und zwar auch auf die Geschlechterzusammensetzung.

In einem Experiment mit Dreiergruppen zeigte sich zunächst der bekannte Befund, dass Frauen individuell im Durchschnitt risikoaverser entscheiden als Männer. Interessanter wurde es jedoch beim Vergleich zwischen Einzel- und Gruppenentscheidung. In männlich dominierten Gruppen fiel die Gruppenentscheidung riskanter aus als die durchschnittliche Einzelentscheidung ihrer Mitglieder. In weiblich dominierten Gruppen zeigte sich eher das Gegenteil: Die gemeinsame Entscheidung war vorsichtiger als die individuellen Präferenzen. Dies entspricht einer geschlechtsspezifischen Polarisierung. Exzessive Risikoübernahme tritt somit vor allem in männlich dominierten Gruppen auf.

Das hat praktische Relevanz. Wenn Gruppen mit hohem Männeranteil eher zu riskanten „shifts“ neigen, dann ist Geschlechterdiversität nicht nur eine Frage von Gerechtigkeit oder Repräsentation. Sie verändert potenziell auch die Qualität kollektiver Entscheidungen – etwa in Unternehmen, Finanzmärkten oder politischen Gremien. Somit sind Frauenquoten in Aufsichtsräten und Führungspositionen nicht nur aus Gerechtigkeitsaspekten besonders wichtig.

Die Schlussfolgerung: Risiko ist sozial

Geschlechterunterschiede im Risikoverhalten können deshalb nicht in einer simplen Gegenüberstellung der Entscheidungen von Männern und Frauen erfasst werden. Es muss berücksichtigt werden, dass Risikoverhalten sozial geformt ist. Geschlechterunterschiede hängen davon ab, ob Menschen sich vergleichen, Verantwortung tragen oder in Gruppen entscheiden. Und sie werden davon beeinflusst, in welchem kulturellen Umfeld Menschen gelernt haben, was als mutig, vernünftig oder angemessen gilt.

Gerade beim Glücksspiel zeigt sich das besonders klar. Wer wagt, wagt nicht nur isoliert für sich selbst. Oft wagt man vor den Augen anderer, im Schatten sozialer Erwartungen oder mit Blick auf die eigene Stellung in einer Gruppe. Risiko ist damit nie nur Mathematik – sondern immer auch Gesellschaft.